Soziale Relevanz

und die Verantwortung des Designers

„Selbstmanagement ist das Design des Charakters
aus dem psychischen Rohmaterial der Leidenschaft.“

- Philosoph Norbert Bolz -

von Katrin Lainka, 1. Juli 2020

Gestaltung für Menschen heißt Gestaltung des Menschen

Design hat eine doppelte soziale Funktion. Jedes Design und jedes Produkt ist letztendlich auf den Menschen orientiert – sozial. Und diese soziale Funktion sollte bewusst als gestalterische Einflussgröße berücksichtigt werden. Wenn der Prozess des sozialen Designs und seine Wirkung gut zusammenspielen, kann Transformation entstehen und ein gesellschaftlicher Wandel angestoßen werden. Soziales Design ist die Konzentration auf das, was gutes Design ausmacht, die Fähigkeit, gemeinnützige Veränderungen herbeizuführen und zu unterstützen. Die Ästhetik hat eine große Bedeutung und starke Anziehungskraft in unserer Gesellschaft. Stilvolle Menschen, geschmackvolle Räume, einzigartige Gegenstände, harmonische Natur, künstlerische Prozesse, gehaltvolle, sowie fantasievolle Gedanken. Diese Produkte und Services werden bevorzugt, geliebt und verschönern das Leben. Aber genau diese Ästhetik hat im sozialen, gesellschaftlichen Zusammenleben keinen so großen Stellenwert und Einfluss auf uns Menschen, denn hier gelten ganz andere Gesetzmäßigkeiten und Regeln als die schöne Form und die Ästhetik des alltäglichen Lebens. Hier muss etwas entwickelt werden, worin die Schönheit einer Solidarität, Gerechtigkeit und eines fairen Miteinanders zum Tragen kommt. Insbesondere ist daher bei Gesellschaftsdesign die Analyse der Benutzergruppen – die Zielgruppenbestimmung wichtig.

Innovation bedeutet umzudenken, umzufunktionieren sowie herkömmliche Produkte in einen neuen Kontext zu bringen und zur Befriedigung anderer Bedürfnisse aufzuwerten. Es wird entworfen für das Wohlbefinden, die Sicherheit und die Gesundheit aller, in der Hoffnung, die Lebensqualität und Leistungsfähigkeit der Menschen zu verbessern. Design kontrolliert, formt und steuert die Gesellschaft und die Individuen. Es beeinflusst auf materieller und immaterieller Ebene die Arten und Weisen unseres Zusammenlebens. Vielleicht reichen ja pragmatische, konkrete Utopien: Verhindern, dass Menschen verhungern. Verhindern, dass Menschen ertrinken. Verhindern, dass unsere Gesellschaft noch chauvinistischer wird und in einen Wohlstandstotalitarismus abrutscht. Das Entwerfen für ein Gesellschaftsdesign dient dazu, die Last des Alltags zu erleichtern und allen Kulturen und Lebensorten gerecht zu werden.

Sind wir Designer unseres Daseins?

Wir alle sind Designobjekte und wir alle sind, ob wir es wollen oder nicht, zu den Designerinnen und Designern unserer Selbst geworden. Die Ästhetik der demokratischen Gegenwart lässt zu, dass Menschen so divers und unterschiedlich sind, wie sie sind. Wir wollen etwas darstellen und um jeden Preis beeindrucken, insbesondere, da es die Erwartungshaltung der Gesellschaft gibt, immer zu performen. Häufig ist dieses Phänomen der Selbstoptimierung im Internet zu erkennen. Die ständige Pflege der Sozialen Medien gehört bekanntlich zum Alltag der allermeisten Menschen.

Wir vergleichen uns anhand von Profilen wie Facebook und Instagram. Wir selbst sind unser bestes Produkt und stehen im Wettstreit mit anderen (Produkten). In dieser Erscheinungskonkurrenz vergleichen wir uns mit Anderen und erreichen hier eine scheinbare Freiheit. Gerade weil sich der User frei von der Vorstellung fester Identitäten macht, ist es möglich authentisch zu wirken, situativ zu reagieren und anlassbezogen zu kommunizieren. Ein Leben zu führen heißt, dieses Leben gezielt in Form zu bringen, denn ein gelingendes Leben ist ein gestaltetes Leben. In Wahrheit ist die Lebensgestaltung Lebenskontrolle. Es ist schwer, einen Ort zu finden, der keinen gestalterischen Eingriff hatte. Auch wir gestalten uns selbst und viele Dinge designen und bilden uns.

„Der einzelne muß bei der Entstehung seiner Umwelt mitwirken können,
damit er sich mit ihr identifizieren kann.
Das – glauben wir – ist ein Grundrecht des Menschen.“

- Aus einer Werbebroschüre des Projektes
„Urbanes Wohnen“ Köln 1973,
zitiert nach Haumann: Beton, S.200 -

Milena Brüggemann, 1. Juli 2020

Soziale Relevanz und die Verantwortung, die diese mit sich bringt

Wenn wir als Gestalter*innen uns mit Menschen, die sich weder beruflich noch privat aktiv mit dem Thema „Design“ auseinandersetzen unterhalten, werden wir oft mit vielen Vorurteilen konfrontiert: Design – das ist doch Luxus. Design ist doch Geschmackssache. Designer*innen – die machen halt alles hübscher. Oder gerade in der aktuellen, von Covid-19 geprägten Zeit – Design ist nicht systemrelevant. In der Familie und im Freundeskreis kommen dann häufig Äußerungen wie: „Kannst du mir helfen, eine neue Haustür auszusuchen?“, „Komm mal mit zu Ikea, ich kann mich nicht entscheiden, welchen Fernsehunterschrank ich kaufen soll“ oder „Mach du mal das Plakat für den Flohmarkt nächste Woche.“ Ab und zu bekommt man auch mal Sätze wie: „Design ist doch nur eine Waffe des Marketings.“ zugeworfen. Aber wollen wir als Gestalter*innen wirklich nur das? Ist es unser Ziel, die Welt schöner, attraktiver, ästhetisch ansprechender, vielleicht bezaubernder zu gestalten? Oder sie besser vermarktbar und lukrativer zu gestalten? Geht es aber vielleicht um mehr? Oder muss es um mehr gehen? Schon 1919 wurde von Walter Gropius und den Lehrenden des Bauhauses betont, dass Design eine enorme soziale Verantwortung hat und man sah es als essenziell, dieses Bewusstsein der Schülerschaft mitzugeben. Aber wie sieht diese gesellschaftliche Relevanz von Design aus?

Grafik: KiR-Redaktion

Im Grunde genommen trifft jede gestalterische Äußerung eine soziale Aussage. Wie wichtig ist Inklusion? Wie aktuell ist Nachhaltigkeit? Wie relevant ist das Wohlbefinden des Einzelnen? Steht Qualität über Quantität? Wer kann sich Design am Ende leisten? Wer hat ein Recht auf Design? Ist marktorientiertes Design oder personenorientiertes Design wichtiger? Aber wie genau können wir es schaffen, dieser Verantwortung gerecht zu werden und nicht an den Bedürfnissen der Gesellschaft vorbei zu arbeiten?

Grafik: KiR-Redaktion
Grafik: KiR-Redaktion

Ein Ansatz, der versucht, die soziale Wirksamkeit von Design greifbarer zu machen, ist das Partizipative Design. Es beschreibt einen Designprozess, der durch die Zusammenarbeit von Designer*innen und Nutzer*innen geprägt ist. Es handelt sich hierbei nicht um einen genau definierten Prozess, sondern einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess. Partizipatives Design geht davon aus, dass jede*r kreativ ist und dass Designer*innen sich diese Eigenschaft im Designprozess zunutze machen sollen. Es geht vor allem darum, die Nutzer*innen in den Designprozess einzubinden und diese als Experten*innen anzusehen, deren Wissen genauso zum Gelingen beiträgt, wie das des Designers oder der Designerin. Denn je enger man mit denen zusammenarbeitet, die am Ende profitieren sollen, desto besser kann man die sozialen Auswirkungen des Designergebnisses verstehen. Es geht also nicht primär darum, sofort das perfekte Designergebnis zu erreichen, sondern sich der gesellschaftlichen Relevanz seines Schaffens bewusst zu sein und sich zu fragen, ob man mit seiner Arbeit die Gesellschaft bedienen oder verändern will.

Der Mensch ist Taktgeber der Zeit, die bestimmt,
wann in der Gesellschaft was zu tun ist.

Marlene Hundemer, 1. Juli 2020

Relevanz der Gestaltung öffentlicher Räume unter Berücksichtigung
der heutigen Zeitstruktur

Wer kennt es nicht: Um 6 Uhr morgens klingelt der Wecker, eine Stunde später befindet man sich in der Bahn auf dem Weg zur Arbeit, um 12 Uhr verbringt man seine Mittagspause mit den Kollegen und nach dem Feierabend folgt der Arzttermin – der ganze Tag ist durchgetaktet und die Pläne für morgen stehen auch schon. Der Kalender und zeitliche Festlegungen sind in unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Unsere heutigen Zeitstrukturen sind das Ergebnis eines langen, zivilisatorischen Prozesses. Allgemein sind Zeitmaßstäbe Instrumente, die sich der Mensch für einen bestimmten Zweck geschaffen hat, um die Handlung jedes Einzelnen mit der Umgebung zu synchronisieren. Während damals Handlungen auf natürliche Prozesse mithilfe der Sand- oder Sonnenuhr abgestimmt wurden, um den perfekten Zeitpunkt für die Aussaat oder Ernte der Nahrung zu sichern, ermöglicht die Zeitbestimmung heute Planungssicherheit, die allerdings auch mit einem gewissen Zwang verbunden ist. Dabei sind es schon längst keine naturgegebenen Zwänge mehr, die unser Überleben sichern. Viel mehr sind es von uns Menschen vorgegebene Zwänge, denen wir uns täglich unterwerfen müssen.

Ersichtlich sind parallele Entwicklungen der Zeitmessungsmethoden und der Gesellschaft. Je fortschrittlicher die Zeitmessungsmethoden sind, desto komplexer ist die Gesellschaft und die einhergehende Relevanz der Gestaltung öffentlicher Räume. Wie lange wir uns in bestimmten Räumen aufhalten, ist häufig auf die Gestaltung dieser zurückzuführen. Ist der Raum gemütlich und bietet komfortables Mobiliar, so verbringen wir dort gerne mehrere Stunden und schlafen vielleicht sogar abends vor dem Fernseher auf der Couch ein. Dahingegen verbringen wir unsere Zeit in der Küche am Esstisch lediglich für das gemeinsame Essen. Ebenso wie im privaten Bereich ist die Gestaltung der öffentlichen Räume größtenteils adäquat auf die heutige Zeitstruktur abgestimmt.

Foto: KiR-Redaktion

In einzelnen Bereichen ist die Gestaltung grundsätzlich auf die Aufenthaltsdauer angepasst, dennoch führt der gesellschaftliche Wandel zunehmend zu einem Defizit an Komfort. An öffentlichen Orten, an denen wir uns eigentlich nur kurzweilig aufhalten, verweilen wir ungewollt doch länger als erwartet. So startet der Tag nicht wie erhofft mit einer entspannten Zugfahrt pünktlich zur Arbeit, sondern mit langen Wartezeiten bedingt durch Zugausfälle – und unseren Feierabend verbringen wir nicht wie gewünscht zu Hause auf der Couch, sondern im Wartezimmer eines vermeintlich kurzen Arzttermins.

Foto: KiR-Redaktion
Foto: KiR-Redaktion
Foto: KiR-Redaktion