INTERVIEW

"Hier manifestieren sich politische Fragen direkt vor der Tür. "

Tablar, 2020, Realism Working Group im SYNNIKA. Foto: SYNNIKA
Tablar, 2020, Realism Working Group im SYNNIKA. Foto: SYNNIKA

SYNNIKA

Wir trafen SYNNIKA und sprachen mit ihnen über das Arbeiten und Leben im Kollektiv, Frankfurt und Zukunftsvisionen.

von Nina Hattemer, Marlene Hundemer, Henrieke Kayser, 15.05.2020

Was waren die Beweggründe für eure Zusammenarbeit und wie habt ihr euch gefunden?

Melanie Schreiber: Ich kenne Martin und Jeronimo schon irgendwas zwischen 12 und 17 Jahren. Dadurch, dass wir auch schon lange Teil einer Gruppe sind, die kollektiv wohnen will, haben wir eine lange Vorgeschichte. Wir haben uns für die Realisierung eines Hausprojektes zusammengetan und immer wieder überlegt welches Gebäude in Frankfurt für ein solches Vorhaben geeignet sein könnte. Es war uns wichtig, dass es öffentliche Nutzungen geben würde. Wir wollen die brennenden Fragen des Viertels adressieren: Fragen des Wohnens, der Ausgrenzung von Gruppen aus dem städtischen Raum, Fragen von Drogenpolitik und wie eine Stadt utopisch gedacht werden kann. Es ist schwierig in Frankfurt Räume für solche Diskussionen zu finden – öffentliche Räume, die nicht darauf angewiesen sind, viel Geld einzuspielen.

Martin Stiehl: Dieser Eindruck eines Mangels solcher Räume, die nicht kommerziell funktionieren und die sich im weitesten Sinne mit Gestaltung, Politik und Stadtplanung auseinandersetzen, haben wir als Chance gesehen.

Gab es für die Gründung einen bestimmten Schlüsselmoment?

Martin Stiehl: Wir haben vor mehr als 12 Jahren im Rahmen der Realism Working Group begonnen uns mit Arbeits- und Produktionsbedingungen in der Kunst zu beschäftigen und sind darüber beim Thema Wohnen gelandet. Wir sind dann in die Projektgruppe zur Übernahme des Philosophicums in Frankfurt eingestiegen. Als das Projekt gescheitert ist, haben Teile der Gruppe beschlossen trotzdem weiter daran zu arbeiten, ein anderes Gebäude zu finden.

Melanie Schreiber: Ich denke auch, dass es nicht den einen Schlüsselmoment gab, sondern eine kontinuierliche Beschäftigung mit dem Thema, über Jahre. Wir haben uns in einem politisierten Milieu kennengelernt. Es ging häufig um die Frage, wie man zukünftig wohnen will. Die Perspektive davon, dass Wohngemeinschaften nur etwas Temporäres sind, weil man sich im Studium keine besseren Wohnbedingungen leisten kann und dann eines Tages den Rückzug in die Kleinfamilie anstrebt, war für uns überhaupt nicht attraktiv. Es gab den Wunsch unseren Alltag kollektiv zu organisieren. Natürlich ist es Arbeit, wenn man Selbstverwaltung und Selbstorganisation ernst nimmt. Das ist relativ zeitintensiv.

"Den Wunsch unseren Alltag kollektiv zu gestalten."

Wie laufen Entscheidungsfindungen bei euch im Kollektiv ab? Wie setzt ihr euch mit 42 Bewohnern*innen zusammen?

Melanie Schreiber: Wir haben ein regelmäßig stattfindendes Plenum, alle zwei Wochen. Dabei gilt das Konsensprinzip. Das heißt, es muss tatsächlich alles so lang diskutiert werden, bis wir eine Lösung finden, mit der alle glücklich werden.

Jeronimo Voss: Es soll also keine Herrschaft der Mehrheit geben. Auch marginale Stimmen müssen gehört werden, um eine Situation herzustellen, die für Jede/n tragbar ist. Wenn keine Einigung in Sicht ist, gehen wir in Ausnahmen zum Mehrheitsprinzip über, aber das war bisher fast nie notwendig – außer bei formalen Gestaltungsfragen, zum Beispiel zur Form der Wasserhähne im Badezimmer.

"Den Wunsch unseren Alltag kollektiv zu gestalten."

"Wir wollen die brennenden Fragen des Viertels adressieren.''

To Launch a Soeng Joeng Toi in Frankfurt, 2019, Sooeng Joeng Toi, im SYNNIKA. Foto: SYNNIKA

"Wir haben uns an vielen Punkten auf Neues eingelassen.''

Wo und wie zieht ihr Grenzen zwischen privaten und beruflichen Tätigkeiten?

Martin Stiehl: Ich habe bewusst dafür gesorgt, dass es gerade nicht so ist. Diese typische Grenzziehung, die man sonst im Alltag und im Leben hat, ist für mich eher ein Problem. Genauso aber wie die Entgrenzung und Idealisierung von Arbeit als Selbstverwirklichung.

Melanie Schreiber: Für mich sind die Sphären zwischen Wissenschaft, Kunst und Politikaktivismus durchaus getrennt. Es ist aber unser Anspruch, die Bereiche in Austausch zu bringen und explizit diese Grenzen zu überwinden. Ich merke gerade jetzt in der Corona-Krise, in der ich nicht mehr so einfach ins Büro gehen kann, um zu arbeiten, dass mich diese Entgrenzung zunehmend belastet. Vor diesem Hintergrund finde ich Projekte zunehmend schwierig, die Wohnen und Arbeiten an einen Ort bringen.

Jeronimo Voss: Aber die Trennung von Arbeit im Beruf und Freizeit im Privaten ignoriert, dass auch nach einem 8-Stunden-Arbeitstag weitergearbeitet wird, beispielsweise weil Angehörige umsorgt werden müssen oder weil bei künstlerischen Berufen eine solche Grenzziehung sehr schwer zu machen ist. Ich denke diese Trennung macht nur für diejenigen Sinn, die es sich leisten können und die auch die entsprechend geregelten Arbeitszeiten dazu haben. Corona bedeutete für mich bis zur Öffnung der Kitas sehr viel Arbeit. Ich durfte und musste viel Zeit für Kinderbetreuung investieren. Ich empfand das als Privileg, aber es ist eben auch Arbeit. Ich ziehe die Grenze eher zwischen persönlichem Rückzugsbereich und externen Erwartungen, seien es die der Hausgemeinschaft oder meiner künstlerischen Arbeit. Ich brauche da regelmäßig Distanz, um mich regenerieren zu können.

Haben sich in eurem Zusammenleben unerwartete Probleme oder Vorteile ergeben?

Melanie Schreiber: Wir sind jetzt ziemlich genau ein Jahr in diesem Haus und am Anfang hatte ich auch Sorgen, dass es Probleme geben könnte, da wir zuvor noch keinen gemeinsamen Alltag hatten. Ich wohne in einer WG mit sechs weiteren Leuten. Bei uns ist vieles kollektiviert. Beispielsweise kocht jeden Abend eine Person für Alle und auch die Einkäufe organisieren wir so, dass nicht ständig alle individuell zum Supermarkt gehen müssen. In solch einer WG zu leben bringt viele Entlastungen im Alltag mit sich. Aber dadurch, dass ich im Vorfeld schon sehr viel Zeit und Arbeit in Plena und AGs gesteckt habe, hätte ich mir erhofft, dass sich nach Einzug dieser Arbeitsaufwand reduziert, bisher ist das aber kaum so.

Jeronimo Voss: Eine heterogene Bewohner*innenstruktur führt dazu, dass unterschiedliche Vorstellungen und Bedürfnisse aneinandergeraten – und das ist gut so, hat aber auch durchaus schon zu Konflikten geführt. Es gibt Menschen, die wollen sehr viel Nähe oder erwarten sehr viel Engagement und Anderen fehlt die Zeit dafür. Das ist auch okay. Wir können unsere Arbeitsverhältnisse nicht ignorieren. Diese Konflikte waren also zu erwarten. Ich war durchaus überrascht, wie viel Raum sie einnehmen können. Das war vielleicht auch eine Form von Eingewöhnung in neue Lebensumstände. Spannungen wird es immer geben. Es ist entscheidend, wie damit umgegangen wird.

Haben sich die Vorstellungen vom gemeinschaftlichem Wohnen für euch erfüllt?

Melanie Schreiber: Ich hatte keine konkreten Vorstellungen, für mich war das Ergebnis offen. Meine Befürchtungen waren, dass es ein Spannungsverhältnis zwischen dem Bedürfnis, sich zurückziehen und den kollektiven Ansprüchen geben könnte. Im Projekt haben wir auch neue kollektive Dinge ausprobiert, wie zum Beispiel eine solidarische Staffelung der Mieten nach den Einkommensverhältnissen. Wir haben uns an vielen Punkten auf Neues eingelassen, was ich sehr spannend finde. Es ist nicht wie ich es mir vorgestellt habe, sondern wie ich es mir gewünscht hätte.

Martin Stiehl: Ich wusste immer, was ich nicht wollte, habe mir aber nicht groß ausgemalt, wie das hier alles aussehen soll. Ich glaube eine solche Grundhaltung ist ganz gut, wenn man neue Wege gehen möchte. Ich merke immer wieder, wie zufrieden ich bin und was für eine starke Zunahme an Lebensqualität es für mich bedeutet.

Jeronimo Voss: Im ehemaligen Philosophicum hätten 120 Menschen wohnen können, demgegenüber ist NIKA mit seinen 42 Bewohner*innen ein Dorf. Ich könnte mir noch viel größere Dimensionen vorstellen. Ab einer bestimmten Größe muss es Delegierten- oder Rätestrukturen geben, weil es gar nicht möglich ist, dass alle Bewohner*innen bei Entscheidungsfindungen im Stuhlkreis anwesend sein können. Solche Strukturen stelle ich mir als eine große individuelle Entlastung vor.

"Wir haben uns an vielen Punkten auf Neues eingelassen.''

Seid ihr rückblickend mit eurer Planung zufrieden oder würdet ihr sie mittlerweile anders gestalten?

Melanie Schreiber: Ich muss zugeben, dass eine solche Planung auch eine finanzielle Frage ist. Es entspricht dem Grundgedanken von gemeinschaftlichem Wohnen in wachsenden Städten, dass es gerade ein platzsparendes Konzept ist. Wir haben pro Person mit 35m² Nutzfläche geplant. Die individuellen Zimmer sind alle circa 18m² groß. Darüber hinaus verfügt jede 7er-WG über einen großzügigen 50m² großen Wohn- und Essbereich mit Kochinsel in der Mitte. Das oberste Stockwerk ist ein Gemeinschaftsgeschoss mit einer Gemeinschaftsküche und einem Sportraum. Zusätzlich haben wir dort noch ein Gästezimmer und zwei Dachterrassen mit einer Sauna. Aus der jetzigen Sicht würde ich sagen, dass der Sportraum unnötig war, weil er nicht als solcher genutzt wird. Ansonsten finde ich es aber auch gut, zu versuchen den einzelnen Bedürfnissen bei der Planung gerecht zu werden.

Jeronimo Voss: Rückblickend würde ich nicht wieder mit einem Kleinkind auf eine Baustelle ziehen, ohne funktionierende Küche und mehr Zeit einplanen für Verzögerungen.

Wie viele von euch waren an der Planung beteiligt? Wie viele haben aktiv daran gearbeitet?

Melanie Schreiber: Es gab eine Gruppe, die mit dem Architekturbüro diskutiert hat und ihre Vorschläge im Plenum mit allen anderen besprochen haben. Alles wurde mit allen 42 Bewohner*innen diskutiert.

Mithly, 2020, von Julian Volz mit Soufiane Ababri im SYNNIKA. Foto: Wolfgang Günzel
Mithly, 2020, von Julian Volz mit Soufiane Ababri im SYNNIKA. Foto: Wolfgang Günzel

"In meiner Idealvorstellung ziehe ich hier nicht mehr aus."

Könnt ihr euch überhaupt nochmal ein anderes Wohnkonzept vorstellen?

Martin Stiehl: Momentan ist NIKA erst einmal meine Perspektive, die ich so gut finde. Ich kann mir aber darüber hinaus, in ähnlichen Parametern auch noch vieles andere vorstellen. Ich glaube da sind die Spielräume bei weitem nicht ausgeschöpft. Ich finde es immer wieder erstaunlich, dass sich viele Leute nichts jenseits der klassischen Wohnformen – allein oder in der Kleinfamilie – vorstellen können. Das leuchtet mir überhaupt nicht ein.

Melanie Schreiber: Da kann ich mich nur anschließen. Ich muss sagen: Ich hasse Umzüge, also in meiner Idealvorstellung ziehe ich hier nicht mehr aus. Ich glaube das Einzige, was mich manchmal stört, ist die Lage. Ich wohne gerne urban, aber hier ist es stellenweise schon ganz schön laut.

Jeronimo Voss: Ich glaube, dass wir in Zukunft noch viel mehr Selbstorganisation von Mieter*innen sehen werden, auch weil die Arbeitsbedingungen wieder prekärer werden und steigende Mieten für immer mehr Menschen ein echtes Problem sind. Da ist es realistisch, sich mit anderen Mieter*innen zusammenzutun, ob als Nachbarn, um sich gegen die eigenen Vermieter*innen zu wehren oder als Hausverein, wie wir, ganz ohne Vermieter*in. Es braucht viel mehr politischen Druck, um überhaupt die Voraussetzungen zu schaffen, dass sich die Situation verbessern kann. Für die meisten bleibt die vermeintliche Alternative vom schuldenfreien Eigenheim eine traurige und einsame Utopie.

"In meiner Idealvorstellung ziehe ich hier nicht mehr aus."​

Ihr wohnt in der Niddastraße, habt ihr die Lage direkt als geeignet angesehen oder gab es Zweifel?

Melanie Schreiber: Weder noch, ehrlich gesagt. Ein paar von uns haben zu der Zeit schon im Bahnhofsviertel gewohnt. Wir wussten, dass es eine zentrale, gut angebundene Lage ist. Ich mag das Viertel, weil es spannend ist und sich hier vieles und schnell verändert. Andererseits sieht man hier viel Verelendung im Alltag, womit man sich auseinandersetzen muss. Racial Profiling und ein hohes Polizeiaufkommen sorgen öfter für unangenehme Situationen. Das schreckt mich aber nicht ab, sondern wenn überhaupt das hohe Verkehrsaufkommen.

Jeronimo Voss: Die Verelendung ist ein trauriges Thema, zu dem wir immer wieder Stellung bezogen haben. Wie hier mit Drogenkonsument*innen umgegangen wird ist unmenschlich. Vor unseren Augen spielt sich im Bahnhofsviertel, ganz unabhängig von Corona, eine permanente Gesundheitskrise ab. Es fehlt hier noch viel, damit es den Leuten besser gehen kann. Ich denke, dass wir insofern einen Beitrag leisten können, indem wir als Anwohner*innen den Diskurs um das Bahnhofsviertel mitgestalten und nicht wegschauen. Vorher hat in diesem Teil der Niddastraße kaum jemand gewohnt. Wir haben auch schon Veranstaltungen im SYNNIKA zu diesen Themen organisiert. Bei der Veranstaltung “Exkludierende Toleranz” ging es um die Zusammenarbeit von Polizei und Sozialarbeit und die Frage, wie soziale Arbeit jenseits polizeilicher Verdrängung verbessert werden kann. Wir hatten viele Besucher*innen, die nichts mit unserem Haus zu tun haben, die aber an der Debatte sehr interessiert sind. Bei einer anderen Gelegenheit hat ein Forschungsprojekt der Fachhochschule SYNNIKA genutzt, um die Drogenkonsumierenden der Offenen Szene selbst zu befragen, welche Stadt sie sich wünschen.

Martin Stiehl: Für SYNNIKA als Veranstaltungsraum ist es natürlich eine ideale Lage, weil sie zentral und gut erreichbar ist. Und wie bereits erwähnt, manifestieren sich hier die politischen Fragen direkt vor der Haustür.

Jeronimo Voss: Das Erdgeschoss wird auch vom Förderverein Roma e.V. und dem Community Space genutzt, die ihre vorherigen Räumlichkeiten im Bahnhofsviertel entweder verloren haben oder keine finden konnten.

Grundriss des ersten Obergeschoss, 2019, im NIKA.haus. Bild: SYNNIKA

"Individualverkehr in den Städten abzuschaffen, das ist fast schon ein pragmatischer Vorschlag."​

Welche Probleme seht ihr noch in der Stadt?

Jeronimo Voss: Es gibt Aktivist*innen, die eine Zusammenarbeit mit Künstler*innen als so eine Art Klassenverrat sehen – weil sie Kunst mit bürgerlicher Kultur verbinden. Und gerade stadtpolitisch gibt es das hartnäckige Gerücht, dass Künstler*innen irgendwie verantwortlich seien für Gentrifizierung, weil sie auch in unliebsame Milieus ziehen und dann das große Geld kommt, das alle verdrängt. Das ist so ein archaisches Bild aus der Biologie: Es gibt eine erste Invasionsphase, in der ein Terrain von fremden Populationen (Künstler*innen) besiedelt wird und so den Weg bereitet für noch fremdere Invasionsmächte, die dann alle anderen Lebensformen verdrängen, einschließlich der Künstler*innen. Verantwortlicher Türöffner ist in diesem Bild ein bestimmtes kulturelles Milieu – das ist ziemlich absurd und ignoriert die tatsächlichen ökonomischen Prozesse. Wir hatten eine informative Veranstaltung mit Sebastian Schipper zum Thema Gentrifizierung in Frankfurt am Main, der sich als Stadtforscher mit diesem Mythos auseinandergesetzt hat.

Melanie Schreiber: Wir haben uns darüber hinaus als Gruppe intensiv mit der ambivalenten Frage auseinandergesetzt, welche Erwartungen die Stadtregierung damit verknüpft, dass sie das Gebäude überhaupt in ein Konzeptverfahren für gemeinschaftliches Wohnen eingesetzt hat. Die Lage gilt als Schmuddelecke des Viertels. Hier gab es kaum Wohnraum und sicher ist auch eine Intention der Stadt diese Ecke aufzuhübschen, mit gemeinschaftlichen Wohnprojekten und jungen, kulturell vernetzten Bewohnern. Was wir daraus gemacht haben, geht in diesen Erwartungen nicht auf. Das Erdgeschoss wird neben SYNNIKA, an den Community Space für antirassistische Selbstorganisation und den Förderverein Roma e.V. vermietet. Es geht hier also auch um Gruppen, die aus diesem Viertel tendenziell verdrängt werden. Man muss sich bewusst sein, dass es diese Aufwertungswünsche von Teilen der Stadtplanung und dem benachbarten Gewerbe gibt. Aus ökonomischer Sicht können wir diese Gentrifizierungserwartung aber gar nicht erfüllen. Man muss sogar sagen, dass über das Miethäuser Syndikat ein Projekt zu realisieren das Gegenteil von Gentrifizierung ist. Weil in so einem Konzept Wohnraum dem Markt entzogen wird und die Kaltmieten nicht steigen können.

"Individualverkehr in den Städten abzuschaffen, das ist fast schon ein pragmatischer Vorschlag."​​

Wie sieht eure Utopie einer Stadt aus?

Martin Stiehl: Meine Utopie wäre die Enteignung und Vergesellschaftung zentraler Gewerbeflächen. So entstehen neue Wohnperspektiven. Die Verkehrsinfrastruktur für Autos sollte massiv zurückgefahren werden, stattdessen gibt es öffentliche Mobilitätskonzepte. Es gibt kostenlosen Nahverkehr und mehr Raum für Drogenkonsumierende und andere Gruppen auf öffentlichen Plätzen, wo sich diese aufhalten können. Das wäre kurzgefasst aus meiner Sicht eine wesentlich bessere und lebenswertere Stadt.

Jeronimo Voss: Ich glaube, dass viel davon sogar dringlich ist. Krisen nehmen zu und wenn die Unternehmenspleiten jetzt anstehen, ist es etwas, das auch Möglichkeiten eröffnet. Neuer Platz wird frei und städtischer Raum dadurch anders nutzbar. Dann kann Konversion stattfinden, so wie wir es im NIKA auch gemacht haben. Uns wurde oft gesagt, dass die Umnutzung von Büro- und Gewerbeflächen teuer sei. Wir haben vorrechenbar bewiesen, dass dem nicht so sein muss und dass im Gegenteil eine Miete dabei herauskommt, die weit unter dem Mietspiegel liegt.

Melanie Schreiber: Wenn man jetzt konkreter wird, würde ich sagen: Die Frage von Individualverkehr in den Städten abzuschaffen ist ja fast schon ein pragmatischer Vorschlag. Das ist ja gar nicht so utopisch. Eigentlich wissen alle, dass das auf Dauer kein Konzept sein kann. Und wenn die Stadt von Autos befreit wäre, hätte man auf jeden Fall wesentlich mehr Platz für eine schönere und lebenswertere Stadt. Wichtiger ist aber, dass Frankfurt eine Stadt ist, in der soziale Ungleichheit so sichtbar wird wie in fast keiner anderen deutschen Großstadt, besonders im Frankfurter Bahnhofsviertel. Diese deutliche Diskrepanz sollte aufgebrochen werden, indem Wohnraum komplett dem Markt entzogen wird.

Jeronimo Voss: Ich finde den Commerzbank Tower, der nur ein paar hundert Meter von unserem Haus entfernt ist, ja eigentlich auch sehr schön, mit den Gärten im Innenbereich. Da könnte ich mir gut vorstellen zu wohnen.

SYNNIKA

MELANIE SCHREIBER

seit 2019 SYNNIKA, Frankfurt am Main

seit 2014 VEREIN LADIEZ – Kulturelle und politische Bildung für Frauen e.V. Konzeption, Frankfurt – Vorstandsmitglied der Vorbereitung und Durchführung von Veranstaltungen, Kongressen, Buchvorstellungen, Filmvorführungen und Ausstellungen.

seit 2007 NIRTRIBITT – Frankfurter Ökonomien, Frankfurt am Main

seit 2014 GOETHE UNIVERSITÄT, Frankfurt am Main – wissenschaftliche Mitarbeiterin mit Schwerpunkt Lehre im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften

1999-2006 GOETHE UNIVERSITÄT, Frankfurt am Main – Studium M.A. Soziologie mit den Nebenfächern Politologie und Psychoanalyse

MARTIN STIEHL

seit 2019 SYNNIKA, Frankfurt am Main

2018 ALTERNATIVER MEDIENPREIS, Nominierung – Projekt „Eine Ausnahme. Überleben. Freundschaft. Widerstand.“

seit 2014 MAGAZIN „DISKURS“, Frankfurt am Main – Creative Direction für das Magazin diskurs.

2011 GRÜNDUNG FÜR GEBRAUCHSGRAFIK, Frankfurt am Main – Grafik-, Web- und Ausstellungsdesign für u.A. Stedelijk Museum Bureau  Amsterdam; Der Tank, Basel; Bildungsstätte Anne Frank, Frankfurt am Main;MMK, Frankfurt am Main; Frankfurt Research Center for Postcolonial Studies; Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt am Main.

seit 2009 REALISM WORKING GROUP, Frankfurt am Main

2005 bis 2013 HfG OFFENBACH – Studium Visuelle Kommunikation, Schwerpunkt Medienkunst

JERONIMO VOSS

seit 2019 SYNNIKA, Frankfurt am Main

seit 2016 INSTITUT DER KUNST HGK FHNW BASEL – Forumsdozent

seit 2008 REALISM WORKING GROUP, Frankfurt am Main

2003-2009 HfBK STÄDELSCHULE,  Frankfurt am Main – Studium der Bildenden Kunst

EINZEL- UND GRUPPENAUSSTELLUNGEN in Museen und Institutionen weltweit 

u.a. Galeria Boavista, Lissabon; FACT Liverpool; Stedelijk Museum Bureau Amsterdam; Galeria Municipal do Porto, Irish Museum of Modern Art, Dublin; Clark House Initiative, Mumbai; MOCA Belgrad; Wiener Secession; Fondazione Trussardi, Mailand; Lentos Museum, Linz; Haus der Kulturen der Welt, Berlin; MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, Museum für Neue Kunst, Freiburg; Galerie Cinzia Friedlaender, Berlin und dOCUMENTA (13) in Kassel.


(Stand 15.5.2020)

SYNNIKA 

GRÜNDUNGSJAHR –  2019

GESCHÄFTSLEITUNG – keine

SCHWERPUNKT –  SYNNIKA ist ein experimenteller Raum für Theorie und Praxis

MITARBEITER –  SYNNIKA aktuell 7 Mitglieder

STANDORT – Frankfurter Bahnhofsviertel, Niddastraße 57, 60329 FFM

DISZIPLINEN – Veranstaltungen zwischen Kunst und Politik

PHILOSOPHIE – Realismus