INTERVIEW

"Wir müssen bereit sein, etwas zu ändern, bereit unsere Ideen und Energien in so etwas reinzustecken."

Foto: Anna Scheuermann
Foto: Anna Scheuermann

ANNA SCHEUERMANN

Architektin, Kuratorin, Autorin und Architekturvermittlerin mit einem ganz eigenen Kopf. Von der Selbstverwirklichung im Studium und der freien und selbstbestimmten Berufswahl in der Zukunft bis hin zum Engagement im gewählten Gebiet. Was kann man alles bewirken und was ist unS alles möglich? Im Interview mit AnnA Scheuermann erfuhren WIR Einiges über ihren spannenden Werdegang, ihre Werte und daSs man einfach mal machen sollte!

von Lina Richel, Mario Schache, Arlette Schreier, 20.05.2020

Warum hast du dich für ein Architekturstudium entschieden?

Ich mochte Kunst wirklich total gerne und Mathe fiel mir leicht. Es war nicht unbedingt so, dass ich Mathe studieren wollte, aber ich fand diese Logik dahinter schön. Die Kombination von Mathe und Kunst war in der Architektur sehr gut gegeben und das war das Ausschlaggebende.

Meine Mutter war Englischlehrerin und wir sind schon sehr früh immer in verschiedene Länder gereist. Mit acht Jahren habe ich auch schon ein Jahr in den USA verbracht. Darüber habe ich nicht nur gemerkt, dass mich das fasziniert, was am anderen Ende der Welt passiert, sondern auch, dass ich dadurch wieder einen anderen Blick auf meine eigene Welt bekommen habe. Und das hat sich so ein bisschen durchgezogen für mich. Auch als ich angefangen habe Architektur zu studieren, war das ähnlich. Man verändert seinen Blickwinkel, je mehr man erfährt. Man sieht Räume plötzlich anders und macht sich neue Gedanken. Man macht sich Gedanken über das, was einen umgibt und nimmt nicht mehr alles für gewohnt. Man lernt unterschiedliche Menschen kennen und bespricht sich mit denen.

Du bist ja nicht direkt im Architekturbereich, sondern eher im Marketing und PR-Bereich unterwegs. Wie kam es denn zum Wechsel?

Der Wechsel kam tatsächlich schon im Studium. Mir hat das Studium sehr viel Spaß gemacht! In Darmstadt ging es viel um das Entwerfen, es gab einen sehr künstlerischen Aspekt. Man musste sich erst einmal selbst finden, bevor man aus sich selbst heraus etwas entwerfen konnte. Das hat mir gut gefallen.
Dann habe ich aber gemerkt, dass mir diese Verantwortung schon fast zu viel war. Wenn ich mir vorgestellt habe, dass ich in einem Architekturbüro ein Gebäude entwickle, das eine gewisse Dauer haben muss und wo die Details passen müssen – also die Koordination von allem und dass ich dann dahinter stehen und alles wissen muss – das wurde mir ein bisschen zu viel auf dieser Ebene. Schaffe ich das überhaupt?
Ich habe aber dennoch gemerkt, dass mich die Architektur fasziniert, sogar viel mehr als die Kunst. Gerade weil es eben Gebäude und Städte betrifft, durch die man selber läuft und in denen man lebt. Es war tatsächlich Zufall, dass es dann die Möglichkeit gab, eine studentische Ausstellung in Darmstadt zu machen (die Sichtenausstellung). Dafür tut sich eine Gruppe zusammen, die daran interessiert ist die besten Arbeiten eines Jahres auszuwählen und auszustellen. Das war wirklich eine tolle Erfahrung, mit bunt zusammen gemischten Menschen eine Struktur zu erarbeiten. Man musste erst einmal eine Auswahl treffen. Da hieß es auch nicht nur „das finde ich schön, das finde ich hässlich“, sondern es ging darum, erst einmal eine Vorstellung davon zu bekommen, wie man denn Architektur kritisieren kann. Was gibt es da für Argumente und wie bekommt man das in der Gruppe hin? Wie eine Jury waren wir schon fast, und das fand ich einfach toll, das hat mich erfüllt.

Dann war der große Zufall tatsächlich nach meinem Diplom, dass ich im Architekturmuseum angerufen habe und gefragt habe, was man denn eigentlich als Architektin dort machen könnte. Es stellte sich heraus, dass sie gerade eine Stelle frei hatten. Ich habe mich daraufhin beworben und die Stelle bekommen. Pures Glück würde ich sagen, und daraus hat sich alles Weitere entwickelt. 

"Man musste sich erst einmal selbst finden, bevor man aus sich heraus was entwerfen konnte."​

Würdest du rückblickend sagen, dass es das richtige Studium war? Denkst du es gäbe manche Skills, die du in einem anderen Studiengang hättest besser lernen können?

Ich finde es vollkommen richtig, dass ich dieses Architekturstudium gemacht habe. Ich kenne viele Leute, die vorher Kunstgeschichte studiert haben. Aber für mich war im Studium die Möglichkeit, selber kreativ zu werden, etwas aus sich heraus zu kitzeln und zu schauen was man für Ideen hat, wichtig. Das hat mir sehr geholfen. Ich finde einfach, dass Architektur etwas Allgemeines ist und jeden von uns etwas angeht. Architektur ist überall um uns herum, genauso wie die Stadt. Ich finde es total wichtig, dass man sich darüber austauscht. Ich habe das Gefühl, dass ich in Diskussionsrunden fundierter argumentieren kann, weil ich das selbst studiert und gelernt habe. Da habe ich also bereits gewisse Skills mitgenommen, die jetzt wichtig sind. Bei der PR oder im Graphikdesign habe ich Profis, die mir meine Fotos schießen, so wie ich das haben will, oder Layouts erstellen, wie ich es möchte. Deshalb habe ich nicht das Gefühl, dass ich das unbedingt hätte lernen müssen.

Vermisst du manchmal das Entwerfen? Oder arbeitest du zur Zeit entwerferisch?

Das Entwerfen ist tatsächlich immer noch in meinem Job. Es geht nicht mehr darum ein großes Gebäude zu entwerfen, was dann irgendwann gebaut wird und über Jahre hinweg stehen muss, es ist aber das Gleiche im Kleinen. Wenn man eine Ausstellung im Team entwirft, hat man z.B. Grafikdesigner, die einen unterstützen, aber trotzdem ist es so, dass man mit entwerfen kann. Man hat selber Ideen, wie etwas aussehen könnte und worauf man Wert legen sollte. Also ist dieser Entwurfsprozess geblieben und das finde ich auch das Schöne daran.

Allerdings merke ich zur Zeit, dass ich durch Corona weniger Aufträge für freie Arbeiten, also kuratorische oder journalistische Arbeiten annehmen kann. Das fehlt mir schon ein bisschen, denn jetzt ist es der Alltagsjob den ich mache. Also klassische PR für ein Ingenieurbüro. Dabei fehlt mir das Entwerfen sehr.

"Es geht nicht mehr darum ein großes Gebäude zu entwerfen, es ist aber das Gleiche im Kleinen.''​

"Man musste sich erst einmal selbst finden, bevor man aus sich heraus was entwerfen konnte."

"Es geht nicht mehr darum ein großes Gebäude zu entwerfen, es ist aber das Gleiche im Kleinen.''

Foto: Kirsten Bucher

"Es geht darum, dass man Ideen teilt, wie man zu einem nachhaltigeren Bauen kommen kann und sein Wissen nach außen trägt.''

Du engagierst dich auch viel sozial in Netzwerken. Wie kam es dazu?

Ich glaube, dass mir da die Erfahrung aus dem Ausland geholfen hat. Sowohl in Amerika als auch in Mexiko, wo ich dann auch noch ein Jahr studiert habe, ist es so, dass das  Ehrenamt schon viel länger als hier angesagt war. Es gehörte einfach dazu, sei es in der Schulausbildung oder in der Uni, dass man ein gewisses Ehrenamt macht und sich in Gruppen zusammentut, ohne dass es gleich ein Seminar ist, das man belegt. Das fand ich sehr schön.

Auch, dass ich das Gefühl hatte, dass man sich selber um Dinge kümmern, sich selber einmischen muss und nicht nur akzeptiert, was entschieden wird, fand ich schön. Deswegen denke ich, dass man auch mit anderen Profis sprechen muss. Die Architekten müssen mit den Ingenieuren, Künstlern und Politikern sprechen, damit man wirklich zu richtig guten Ergebnissen kommt. Wir müssen einfach alle zusammen kommen, denn wenn wir auf unseren strikten Wegen bleiben, entwickeln wir nichts und dann wird’s langweilig. Die richtig interessanten Dinge passieren erst, wenn man sie gemeinsam entwickelt. Und genau das hat mich zu den unterschiedlichen Netzwerken geführt.

Gab es in den letzten Jahren auch schlechte Erfahrungen?

Ja, da kommt man immer hin, egal was man tut. Es gibt Momente, bei denen man überlegt, ob es wirklich zielführend ist. Passt das alles noch zu mir? Manchmal merke ich, dass mir manches zu eng wird, z.B. wenn ich verpflichtet werde, gewisse Dinge zu tun oder auch, wenn etwas zeitlich nicht mit der Familie oder dem Job zu vereinbaren ist. Dann wird mir das einfach zu viel. Und an diese Punkte, an denen ich denke, dass ich unbedingt runterfahren und überlegen muss, in was ich die Zeit wirklich investieren möchte, komme ich schon häufiger.

Vielleicht bin ich auch zu alt, um nächtelang zu diskutieren? Was ich damals so schön fand, mag ich jetzt einfach nicht mehr. Jetzt will ich etwas machen, das anstößt und wo sich etwas entwickelt. Dies ist auch einfach dem geschuldet, dass ich keine unendliche Zeit habe, weshalb jetzt alles ein bisschen konkreter sein muss. Zum Beispiel gehe ich auch nicht mit Fridays for Future auf die Straße. Ich finde das schön und begeisternd, aber irgendwie passe ich da nicht richtig rein. An solche Grenzen stößt man, wenn man sich mit anderen zusammen tut. Bin ich da noch richtig aufgehoben, kann man da etwas erreichen? Oder ist man einfach glücklich damit und sagt man gehört dazu? Solche Fragen stelle ich mir immer wieder.

Wie bist du zum Netzwerk Architects for Future gekommen?

Das war tatsächlich ein Zufall. Ich habe in meinem privaten Social Media geschaut, was meine Freunde und Familie so machen und einen Post gesehen, dass es jetzt die Architects for Future gibt.

Bei den Fridays for Future Demonstrationen habe ich gedacht: „Ne, das bin ich nicht.“ Ich finde das schön und meine Tochter ist auch mitgegangen, aber ich habe mich da einfach nicht passend gefühlt. Als ich dann von Architects for Future gehört habe, dachte ich mir „Na klar!“. Das konnte ich mir eher vorstellen, weil ich das Gefühl hatte, dass man wirklich etwas anregen kann. Es geht ja darum, dass man Ideen, die alle Leute eigentlich schon haben, teilt, wie man zu einem wirklich nachhaltigeren Bauen kommen kann und dass man das eben gemeinsam angeht und sein Wissen nach außen trägt.

"Es geht darum, dass man Ideen teilt, wie man zu einem nachhaltigeren Bauen kommen kann und sein Wissen nach außen trägt.''​

Warum ist dir Nachhaltigkeit beim Bauen so wichtig?

Ich glaube, es sind verschiedene Punkte. Im Studium gab es einen Professor, bei dem wir energiebewusstes Bauen behandelten. Es war das erste Mal, dass dieses Thema in der Uni vorkam und ich habe gemerkt, wie extrem er uns geprägt hat. Ich habe nicht so viele Kurse bei ihm besucht, aber viele Freunde von mir hatten Seminare und wir haben uns immer gefragt, warum gibt es das eigentlich nicht überall? Muss es dafür einen eigenen Lehrstuhl geben oder sollte es eher alles prägen? Und so hat dieser Professor es auch in seinem eigenen Büro gehandhabt, denn das war Thema in jedem seiner Projekte. Da wurde gar nicht die Frage gestellt, ob man etwas nachhaltiges oder energieeffizientes in dem Gebäude macht, sondern es war einfach Teil des Ganzen. Und ich muss sagen, das hat mich damals schon beeindruckt.

Wahrscheinlich macht man sich aber auch wegen der Kinder Gedanken. Wie lange geht das denn eigentlich alles noch gut hier auf der Erde? Da geht’s nicht nur darum in welchen Gebäuden man lebt oder wie man einkauft, ob man mit dem Auto oder dem Fahrrad fährt, es geht eigentlich um viel mehr. Und wenn man sich als Architektin bezeichnet, was ich tue, dann muss ich mich mit dem Thema auseinandersetzen. Was tue ich denn als Architektin für die Umwelt, was tue ich für die Zukunft? Mache ich unsere Städte lebenswerter? Werden wir später überhaupt noch in einer Stadt leben oder wie werden meine Kinder leben? Wie kann ich mit dem, was ich kann und gelernt habe, helfen? Deshalb fand ich es sehr passend, das über die Architects for Future zu tun.

"Was tue ich als Architektin für die Umwelt, was tue ich für die Zukunft?"​

Foto: Kirsten Bucher

"Was tue ich als Architektin für die Umwelt, was tue ich für die Zukunft?"

Glaubst du, dass wir als Student*innen das Thema Nachhaltigkeit im Bauen unterstützen können?

Ich glaube, es ist wichtig dieses Thema hochzuhalten und das können Studenten auch schon sehr gut. Es bedarf nicht eines ausgebildeten Architekten, der schon über 20 Projekte gemacht hat, die irgendwelche Innovationen haben. Es muss einfach darüber gesprochen werden. Wir müssen bereit sein etwas zu ändern, bereit unsere Ideen und Energien in so etwas zu stecken. 

Die Möglichkeit, durch Petitionen weiter zu kommen, ist schon ein Anfang. In Berlin gibt es zum Beispiel zwei Gebäude an der Charité, die in den 60ern/70ern errichtet wurden. Sie sind denkmalgeschützt und sollten trotzdem abgerissen werden. Um diese Gebäude zu retten, haben sich einige Menschen zusammen getan und eine Petition gestartet. Deswegen muss man den Blick darauf richten, was wir haben und sich fragen, warum wir etwas abreißen. Können wir das Alte nicht nutzen?

Studenten können das auch. Es muss ja keine rein studentische Initiative sein. Es geht um die Frage: wo können wir mithelfen und mitdenken? Und das ist jetzt eine perfekte Zeit, weil wir sonst irgendwann zu spät dran sind. 

Was müsste man Architektur- und Innenarchitekturstudent*innen als Basiswissen mitgeben, damit zum Beispiel die Ziele von Architects for Future erreicht werden können?

Ich finde es total wichtig, dass diese Themen nicht nur in einem Seminarstuhl vorkommen. Es sollte in allen Seminaren um Nachhaltigkeit in verschiedenen Ebenen, gehen. Das heißt nicht, dass alles nur aus Holz gebaut werden soll oder dass wir keine Lacke mehr verwenden. Darum geht es nicht. Es geht darum, dass man sich diesem Thema stellt mit allem was man tut. Ist das wirklich die richtige Materialwahl? Ist das zielführend? Können wir das nachher weiterbenutzen? Kann es recycelt werden? Kann es umgenutzt werden?

Genau diese Fragen des Gleichgewichts sollten Teil des Ganzen sein. Das wäre mir wichtig.

Foto: Kirsten Bucher

Auch wenn momentan schwer absehbar ist, wie es nach der Corona-Pandemie weitergehen wird, hast du irgendwelche Pläne für die Zukunft?

Ich träume schon immer von der hundertprozentigen  Selbstständigkeit, wo ich meine eigene Chefin bin und entscheiden kann, welche Projekte ich mache und mit welchen Menschen ich zusammen arbeite. Und ich würde gerne mein eigenes Netzwerk gründen. Nicht, um etwas eigenes anzuregen, sondern ein Jobnetzwerk für Ausstellungen, Buchprojekte und für Stadtführungen, wie auch immer. Dass man ein Netzwerk hat, wo man aufeinander zugreifen kann, je nachdem was gerade gefragt ist.

Wenn du eine Sache auf der Welt verändern könntest, was wäre das?

Was ich tatsächlich interessant fände, wäre, wenn man irgendwie weg kommt von all den Titeln die man im Laufe seines Lebens sammeln kann. Ich merke immer wieder, dass man gehemmt ist, weil man schaut, was das Gegenüber schon gemacht und was für Titel derjenige hat. Kann ich da überhaupt mithalten?

Und manchmal muss ich mich als Architektin in meinen Jobs rechtfertigen, also von wegen, dass ich zwar Ahnung von Architekturgeschichte habe, aber nicht so viel wie ein Professor. Einfach mal bei Null zu starten ohne seinen Lebenslauf direkt wieder zu zitieren, sondern ganz frisch und frei.

Ich hatte auch ein interessantes Projekt in Offenbach, bei dem es um die Entwicklung der Innenstadt ging. Wir mussten Rollen einnehmen, die wir gar nicht waren. Und warum nicht einfach mal ein Projekt so durchspielen, wo es egal ist, was man vorher gemacht hat. Da kommt man auf ganz neue Ideen und kann unverfänglich reden. Das wäre etwas, was ich gerne ändern würde.

ANNA SCHEUERMANN

seit 2020 ANNA SCHEUERMANN – ARCHITEKTURKOMMUNIKATION

2008-2020 Marketing/Presse- und Öffentlichkeitsarbeit/Business Development für Architekten und Ingenieure

2016 – 2018 GA FRANKFURT – GUIDING ARCHITECTS RHEINMAIN – Leitung mit Andrea Schwappach und Paul-Martin Lied

2016 MAKING HEIMAT GERMANY, ARRIVAL COUNTRY – Co-Kuratorin des deutschen Beitrags auf der Architekturbiennale in Venedig

2015 ARCHITEKTURSOMMER RHEIN-MAIN – Teammitglied

2007 READY FOR TAKE-OFF – Co-Kuratorin des deutschen Beitrags auf der Architekturbiennale São Paulo

(Stand 1.11.2020)

ARCHITECTS FOR FUTURE

GRÜNDUNGSJAHR – 2019

Gründerinnen Ortsgruppe Frankfurt Rhein-Main – Vicky Metzen, Anna Scheuermann

Ortsgruppen – 29, davon 25 in Deutschland, 3 in der Schweiz, 1 in Österreich

FORDERUNGEN

hinterfragt Abriss kritisch

wählt gesunde und klimapositive Materialien

entwerfen für eine offene Gesellschaft

konstruiert kreislaufgerecht

vermeidet Downcycling

nutzt urbane Minen

erhaltet/erschafft biodiversen Lebensrau